Wenn das Seelchen und die Zähnchen um die Wette wackeln – Willkommen in der Wackelzahnpubertät

Vor einem Jahr hörte ich das Wort „Wackelzahnpubertät“ zum ersten Mal. Ehrlich gesagt musste ich schon wieder grinsen. Haben wir da wieder ein Wort gefunden – neu-modern, das alles erklärt, wo man nicht mehr nachfragen muss, eine Art Diagnose. Das Kind ist in der Wackelzahnpubertät, so wie Trotzphase oder später normale Pubertät. Lässt keine Frage offen, kennt jeder, ist jetzt so?!

Aber zurück zum Anfang. Ich trotze, Du trotzt

Da haben wir die sogenannte Trotzphase, bei allen beliebt und taucht meist im Alter von 2-4  Jahren auf. Manchmal auch gar nicht! Mein Lieblingssatz bei allen Themen rund ums Kind: Jedes Kind ist anders! Überraschend oder?

Was passiert? Unsere Kinder entwickeln sich stetig voran – eigentlich entwickelt sich jeder Mensch immer weiter, irgendwo. Bei Kindern kommt es aber in kürzeren Zeiträumen geballt alles auf einmal. In diesem Alter zeigt sich  das erste Mal, dass die Kinder verstehen, das sie irgendwo eigenständig sind. Sie sind nicht ein Teil des Körpers von Mama und Papa.  Sie entwickeln ein Selbstbewusstsein für sich.

Dieser Phase ist entscheidend für das Kind, zum ersten Mal in seinem jungen Leben, um neue Fertigkeiten, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu entwickeln. Wohlgemerkt geht das meist auch anstrengend daher. Himmelhoch jauchzend und wenn was nicht klappt oder passiert wutentbrannt. Kinder handeln nach dem Lustprinzip, sind Sprunghaft in ihren Wünschen und Gefühlen und möchten, weil ihnen das Zeitgefühl fehlt, alles sofort.

Gehen Eltern daher versuchen dagegen zu steuern, Regeln aufzustellen, Sanktionen gegen den Trotzkopf durchzusetzen und „brechen es“ (was in diesem Alter ein leichtes ist), zahlen sie mit Wut und Trotz den Preis. Quasi die Entwicklung des Kindes hier zu verhindern oder zu beeinträchtigen oder zu bestimmen erzeugt immer Trotz oder Unterwürfigkeit! Es wohnen Gefühle in diesen kleinen Menschen, die raus möchten, nicht böse gemeint sind aber unendlich neu sind. Eine neue Welt eröffnet sich ihnen.

Trotz erzeugt immer Gegentrotz. Ob zwischen Kindern, Erwachsenen oder Kind und Erwachsener. Großeltern, ältere Generationen und selbst die eigenen Eltern sagen heute noch „Man muss Grenzen setzten, den Trotz Einhalt gewähren, sonst werden Kinder verzogen…, früher war das besser, man muss schon jetzt erziehen!

Nein! Bevor wir hier sagen das es früher besser war, müssen wir – wie von Psychologen meist bestätigt, einsehen, das diese Kindererziehung der letzten 100 Jahre überhaupt nicht erfolgreich war, sogar eher falsch!

„Es gibt kein generelles Erziehungskonzept mehr, wie früher“ und dann haben wir mit 12 Jahren die Pubertät und da es alles schon gelaufen !

Nach diesem Alter denken vielen kommt dann irgendwann die Pubertät, wo eine erneute großer Entwicklungsphase mit der Geschlechtsreife daher kommt – Weiterentwicklung geht sowieso ständig voran. Von vielen ängstlich und anstrengend beschrieben, aber sie fördert auch nur neue Fertigkeiten, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl der jungen Heranwachsenden. Die Gefühlswelt und Hormonwelt spielt verrückt. Aber dazu kann ich persönlich noch nichts schreiben, soweit sind wir noch nicht! Ich weiß nur das auch hier Verbote, Widerstand und Strenge zwecklos sind. Ich sag nicht das ich gegen Regeln bin. Regeln die Leib und Leben schützen, können besprochen werden, auf Augenhöhe zwischen Heranwachsenden und Eltern.

Hierzu möchte ich ein Zitat aufführen aus einem Interview von Jesper Juul:

Ich möchte zum Beispiel nicht, dass meine Tochter mit 13 Jahren volltrunken um Mitternacht an der örtlichen Bushaltestelle abhängt.

Juul: Sehen Sie, da haben wir das Dilemma schon wieder. Sie können Verbote aufstellen und gleichzeitig mit Sanktionen drohen. Oder gehen stattdessen mit ihr in den Dialog. Erklären ihr, warum Sie dagegen sind. Was ihre Gründe und Ängste sind. Wenn sie Regeln aufstellen, fängt der ganze Zirkus an. Dann werden Kinder entweder unterwürfig oder kriminell

Zwischen 1 und 3 kommt 2 – Alles nur Entwicklung

Aber was liegt dazwischen, zwischen Trotzphase und Pubertät? Die Wackelzahnpubertät? Anfangs belächelt, verwende ich diesen Begriff jetzt seit Wochen mehr und mehr. Weil ich finde im Alter (beim Wunschkind mit 6,5) gibt es einen neuen Umbruch körperlich und seelisch.

Körperlich beginnt es mit den Wackelzähnen, Milchzähne fallen aus und neue kommen. Dazu wachsen jetzt auch die ersten Backenzähne. Wenn man sich selber mal in diese Zeit zurück setzt: auf einmal fallen Zähne aus, wie bei Opa und Oma vielleicht. Was ist den das für ein Gefühl? Manch ein Kind fühlt es breche selber auseinander.

Zumal sich auch der ganze Körper anfängt zu verändern, er streckt sich, die Gesichtsform verändert sich, der Kiefer wächst.

Dazu kommt die immer noch neue Schulzeit, ein andere Tagesablauf und das viele, wirklich viele Menschen einfach behaupten „Du bist jetzt groß bla bla bla“. “ Du kannst und musst jetzt dieses und jedes“ „Große Kinder weinen nicht, große Kinder können das…“. Willkommen Leistungsgesellschaft. Die Kinder machen nun ihre ersten Erfahrungen mit ihr, wenn nicht schon in der Kita gedrillt. Was mag das ein Gefühl sein. Gute 5 Jahre Routine und Entspanntheit und jetzt wird man ohne Vorstellungskraft einfach raus geworfen, in eine neue kalte Welt?

Klar sind die Kinder jetzt größer als in der Trotzphase! Sie haben schon kleine Verantwortungen, werden öfters gefragt, mit einbezogen und dann kommt noch ein Schultag dazu. Viele neue Eindrücke und irgendwo wird auf einmal Druck aufgebaut, an ihnen gezogen, sie wie Knetmasse versucht in Formen zu quetschen. Eine neue Gefühlswelt trifft auf sie ein.

Körperliche Veränderungen, die Zähne wackeln man wird größer. Ist es dann auch im Bereich des Möglichen, dass das Seelchen mit wackelt? Die ganzen Veränderungen gehen ja nicht spurlos an dem Inneren des Kindes vorbei! Freude, Traurigkeit, Wut, Angst, Stolz, Sensiblität, Hochsensiblität – wie eine Achterbahn ohne Anhalten oder Stopp – 24 Std täglich 7 Tage die Woche. Da kann man körperlich und seelisch ganz schön ins wanken kommen!

Wir erwachsene haben gelernt unangenehme Dinge einfach wegzuschieben, kleiner zu machen, nicht weiter beachten oder einfach damit klar zu kommen. Ein 6 Jähriger oder Jährige muss das noch lernen, woher soll er/sie das den gelernt haben?

Wackelzahnpubertät und jetzt?

Also gehen wir mit viel Liebe und Verständnis an die Sache! Angst wird wahrgenommen und akzeptiert sowie Freude und Spass. Wir vermitteln:

„Deine Gefühle sind echt und richtig“

„Gefühle sind da um herausgelassen zu werden, lass sie los“

„Dein Körper, deine Bestimmung“

„Du bestimmst ob du unsere Nähe brauchst, wir sind aber immer für Dich da“

„Nur du kannst deine Gefühle wirklich alleine fühlen, wir können es nur interpretieren oder uns reindenken“

„Du bist richtig wie du bist“

„Du bist wertvoll“

„Du hast Angst, lass uns reden“

„Wir sind immer für Dich da“

„Wir stehen neben Dir und hinter Dir und halten Dich auch fest“

Ein absolutes No-Go sollte immer sein „Du bist unmöglich“. Dieser Satz ist sowas von abwertend. Grade wenn Kinder in ihrer Art offen und verwundbar zu uns kommen, sollten wir dies niemals ausnutzten. Warum kommt dieser Satz uns trotzdem manchmal in den Kopf? Weil wir sehr wahrscheinlich als Kind so verletzt worden sind.

Übrigens dürfen Mama und Papa, sowie Wackelzahnpubertätskinder, auch weinen, schreien und toben, wobei man nicht verletzten oder kränken sollte!

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dies immer so zu handhaben und dies dem Kind zu vermitteln, aber grade jetzt in Zeiten des Umbruchs ist es besonders wichtig! In Zeiten des Umbruchs, in Zeiten wo wir öfters ein Nein zu hören  bekommen, wo sich eine Verweigerung an den Tag legt, die vorher in diesem Ausmaß noch nie da war. Grade hier sollten wir noch mehr Verständnis entgegenbringen, Ängste und Sorgen verstehen.

Manchmal ist es anstrengend und auch nervig, manchmal machen wir Fehler. Aber wenn wir eine Beziehung zu unseren Kindern haben, gegenseitig Respekt und eine gemeinsame Sprache, ja dann könne wir über alles reden, auch über Ängste, Sorgen und Widerstände

Alles Gute und liebe Grüße aus der Wackelzahnpubertät

Eure Alex

 

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12 Gedanken zu “Wenn das Seelchen und die Zähnchen um die Wette wackeln – Willkommen in der Wackelzahnpubertät

  1. romantickercarolinecasparautorenblog schreibt:

    Ich finde das alles wunderbar beschrieben und hergeleitet. Meine Kinder sind schon erwachsen, haben zum Teil selber Kinder.
    Zu keiner Zeit habe ich versucht, den Willen zu brechen. Wir waren immer im Gespräch und es gab auch erregte Diskussionen. Aber am Ende haben wir stets einen Weg gefunden, den alle akzeptieren konnten, weil ein gegenseitiger Respekt vorhanden war. Wenn ich Fehler machte, habe ich auch das ausgesprochen, mich entschuldigt. So haben das auch meine Kinder gelernt. Und ich ermutigte sie, alles zu hinterfragen, bevor sie eine Entscheidung treffen. Vielleicht war deshalb auch die Pubertät nicht so aufreibend wie in anderen Familien. Wir haben auch in jenen Zeiten viel Spaß miteinander gehabt, uns ausgetauscht über Bücher, Musik und Lebensthemen. Ich habe versucht zu überzeugen anstatt zu zwingen, zu drohen und zu bestrafen.

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