Der Brief an mein/ unser Schulkind – emotionaltreue Mamagedanken

Liebes Wunschkind,

jetzt gehst du schon seit Wochen in die Schule und bist quasi ein großer Junge geworden. Täglich stellst Du Dich den Herausforderungen, bist mutig und tapfer und gehst deinen Weg. Auch wenn vor manchen Dingen die Angst in dir gewinnt, schaffst du deinen Tag trotzdem.

Ich weiß noch als wir zusammen auf der Couch lagen, Du als knapp 3 kg leichtes Knäuel. Unbeholfen, selig schliefst Du auf meinem Bauch. Ich hörte Dich atmen und überlegte wie es später sein wird, erst der Kindergarten, dann die Schulzeit.

Ich verfiel in Träumerei und wünschte mir alles erdenklich Gute und Beste für Dich. Glücklich sein, Gelassenheit, Freude und Spass, ein starkes Selbstbewusstsein und jede Menge guter Freunde, vor allem Spass am Leben und im Kindergarten oder später in der Schulzeit. Wunschlos glücklich sein.

Nun stehst Du nach 6,5 Jahren vor mir. Ein jungen Mensch mit vielen Träumen in Kopf, emotional in sich und emotional offen für sein Umfeld. Ein junger Mensch der eine starke Bindung zu Freunden und Familie braucht, wie die Luft zu atmen. Der sehr tapfer ist, weltoffen und Anderen noch stark vertraut. Ein perfekter junger Mensch, mit leuchtenden Augen, der viel in der Welt, in seiner Welt, für die Welt erreichen kann. Ein Jemand der viel für die Gesellschaft tun kann und wichtig ist. Ein Mensch der seinen Weg gehen möchte, seine Gedanken behalten möchte und sein Leben gestalten möchte.

Aber ich sehe auch einen jungen Menschen der sich nach und nach verunsichern lässt, der vieles hört und es wegschiebt. Der seine Emotionen versucht zu verstecken. Einen jungen Menschen der merkt das Anders sein, nicht überall akzeptiert wird.

Nur leider sehe ich Dich hier nur so. Was im Kindergarten als Vorbote sich erhob, setzt sich in der Grundschule weiter. Die Welt, die Gesellschaft versucht dich zu formen, wie Knetmasse, dich in eine Form zu stecken und überschüssiges abzuschneiden. Gnadenlos und erbarmungslos. Kein Platz für Anders sein, Querdenker und Emotionstreuheit.

„Du sollst“ , „Du musst“ und zwar sofort das alles können was von Dir verlangt wird. Zeit und Zeit nehmen ist Dir nicht erlaubt. Ein Teufelskreis den nur wenige sehen und verstehen, die Anders sind, die Gesellschaft auf emotionshöhe erblicken, sensibel und offen sind.

Noch siehst Du mich mit vertrauensvollen Augen an, doch dein Blick trübt sich jetzt schon manchmal leicht. Du verstehst nicht warum manche „großen“ Leute sich negativ äußern mit dem Zusatz nur das Beste Dir zu geben und zu ermöglichen. Du verstehst nicht warum du keine Zeit mehr hast, obwohl deine innere Uhr noch so schön zeitlos tickt.

Du weinst, weil auf einmal soviel Sachen auf dich einprasseln, du wirst agressiv weil du nicht verstehen kannst, warum du jetzt so viele Sachen erledigen musst.

Mein liebes Wunschkind ich weine auch, weil ich es als zuviel empfinde, das so viele Sachen auf dich einprasseln. Ich werde auch agressiv, weil ich auch nicht verstehe kann, warum du jetzt so viele Sachen an einem Tag erledigen musst. Mein Herz schmerzt und blutet, weil ich Dir nur bedingt helfen kann. Manchmal ist es so schlimm das ich unfair werde und vor Dir weine und mit aggressiven Worten um mich schmeiße.

Mein geliebter Sohn, ich habe nicht den Mut und die Kraft sowie die Möglichkeit gegen das ganze System anzugehen, auch wenn ich wünschte ich könnte. Ich kann einfach nicht gegen die perverse, fordernde Leistungsgesellschaft angehen, wenn ich alleine bin. Vielleicht kommt irgendwann die Zeit, wo dieses anders Denken in Bezug auf unsere Gesellschaft kommt. Vielleicht gehörst ja auch Du und deine Kinder, deine Freunde zu der neuen besseren Welt. Ich kann Dir nur, wie zuvor Oma und Opa bei uns, helfen und üben damit du die geforderten Sachen erledigen kannst und schaffst. Wir, Mama und Papa, können Dich nur begleiten und hinter Dir stehen und das tun wir voll und ganz und aus tiefsten Herzen.

Ich hoffe nur das Du uns eines Tages verstehst und das du dich nicht wie Knetmasse ganz verformen lässt. Behalten deine Träume und Wünsche. Sei so wie du jetzt bist, du bist perfekt und lass Dir nichts anderes einreden. Hab weiter Mut und sei tapfer. Erklimme die ganze Welt, zeig ihnen das Anders sein perfekt ist, hab weiter den Mut dazu. Sei laut, lebe, hab Spass und behalte deiner selbst. Zeige der Welt wer du bist. Vorallem du bist erst 6,5 Jahre alt. Geniesse deine Kindheit, die kann dir auch die Schule nicht nehmen. Auch wenn Du nicht auf Bäume klettern möchtest, spring einfach in Pfützen und Herrgott eß Schokolade und Chips zum Frühstück. Lass Dir deine Fantasie niemals nehmen und lebe deine Träume. Bleibe heimlich wach und nicht aus dem Grund, das Du morgen in der Schule irgendwas können musst und nachts lernen musst. Bau Wolkenschlösser auf Sandburgen und sei albern, sei kreiselig bis dir schwindlig ist. Hinterlasse Spuren im Schnee und in den Herzen der Anderen!

Das ist dein Weg zum Glück, lass ihn dir nicht durch die Schule oder andere Menschen wegnehmen, auch wenn er steinig dir grad erscheint und Du das Gefühl hast du hast keine Zeit mehr und die Luft bleibt Dir zum atmen weg. Wir sind stolz auf Dich, Du bist PERFEKT so wie Du bist!

Wir lieben Dich!!!

Deine Herzchen-Mama

 

16 Gedanken zu “Der Brief an mein/ unser Schulkind – emotionaltreue Mamagedanken

  1. Reiner schreibt:

    Danke für deine offenen, bewegenden Worte!

    Es war und ist immer ein Spagat, die Kinder auf „das Leben“ vorzubereiten, auf die Welt da draußen, wie sie nun einmal ist. Am besten geht das durch vorleben, und, wenn nötig, sich erklären. Was ich habe, kann ich geben. Den Rest muss darf sich mein Sohn selbst zusammensuchen. Aus irgendeiner Norm zu fallen, war noch nie leicht, ich weiß…

    Lieben Gruß.

    Gefällt 5 Personen

    • Impressions of Life schreibt:

      Jemand auf das Leben vorzubereiten, geht das überhaupt? Die Zukunft ändert sich stündlich, überall neue Wege, neue Möglichkeiten.
      Aus der Norm fallen, anderes sein, Querdenker….wenn sich keine traut oder was macht wird sich nie was änderen.
      Liebe Grüsse und danke fürs kommentieren

      Gefällt 4 Personen

      • Reiner schreibt:

        Jemand auf das Leben vorzubereiten, geht das überhaupt?

        Ich denke, schon. Es gib sie, die universellen Weisheiten, die über alle Zeiten gleich bleiben. Mit meinem Sohn habe ich viele Gespräche in seinen jungen Jahren geführt, selbst heute gelegentlich noch. Es ging dann oft um das soziale Miteinander, aber auch darum, zu bestehen, in dieser Welt. Um den Spagat zwischen Menschlichkeit und Karriere. Um Machtstrukturen, die es zu ergründen gilt, um mit ihnen zu leben, zum eigenen, und nach Möglichkeit zu aller Vorteil.

        Thema ist und war auch immer wieder das manchmal seltsame Miteinander von Männern und Frauen 🙂 Da bleibt ihm wohl nichts anderes übrig, als seinen eigenen Weg zu finden…

        Gefällt 4 Personen

      • Sonja schreibt:

        Das sehe ich ganz genauso. Unsere Tochter ist erst 4 Jahre alt und ich merke jetzt schon wie sie sich durch gesellschaftliche Vorgaben in ihrer Kreativität einschränken muss. Ich glaube Du machst es genauso richtig, wenn Du ihm vermittelst, dass „anders sein“ eine Gabe ist. Auch wir unterstützen unser Kind in ihrer kreativen Entwicklung und bringen ihr bei die Dinge nicht einfach immer nur anzunehmen sondern auch zu hinterfragen. Denn sich in eine Form pressen lassen kann jeder. Und ich stimme dir zu, dass sich in unserer Gesellschaft dringend etwas ändern muss damit unsere Kinder frei aufwachsen können. Schöner Artikel!

        Gefällt 1 Person

  2. alltagschrott.ch schreibt:

    Du schreibst offen und ehrlich und berührst die Herzen. Dieses Navigieren zwischen Schulnormen/Druck und Entfaltung der eigenen Stärken/ Bedürfnisse ist so schwierig, resp. oft unmöglich. Und dann kommen noch die eigenen Ängste hinzu….
    Aber Deine Liebe versteht und hört Dein Bub. Man spürt sie in jedem deiner Sätze.
    Ganz liebe Grüße. Priska

    Gefällt 1 Person

    • Impressions of Life schreibt:

      oh vielen Dank. Ich versuche immer ehrlich zu schreiben und aus dem Herzen. Das ist mein Blog und meine Gedanken. Es tut gut es einfach niederzuschreiben mal lustig, mal traurig, mal anders.
      Das Navigieren wird immer schwieriger, aber wir geben uns Mühe, versuchen alles….
      Liebe Grüsse
      Alex

      Gefällt 1 Person

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