Und dann kam Mia

Die Psychologie sagt, in uns selbst, unterhalb unseres Bewusstseins, können wir die Psyche in verschieden Persönlichkeitsanteile unterteilen. So wird viel vom inneren Kind gesprochen, der den kindlichen Anteil der Psyche ein Leben lang in uns ausmacht, neben dem erwachsenen Anteil. Dieser Anteil des Kindes ist sehr wichtig, nicht immer der Grund für das Handeln der Person, aber vielleicht mitbestimmend!

Das innere Kind spiegelt unser Gefühlsleben wieder, das in der Kindheit entstand. Positiv wie auch negativ, also gibt es auch quasi zwei innere Kinder. Sie sind individuell, wie jeder Mensch in sich. Ich möchte nicht länger auf die einzelnen inneren Kinder eingehen, aber um meinen folgenden Eintrag zu verstehen, kam Mia aus einem Teil des inneren negativen Kindes daher, viele Psychologen würden Mia als ein Teil eines Schattenkindes (mit dem negativen Glaubenssatz „Ich bin zu dick““Ich bin es nicht wert“) sehen! Manche auch nicht. Es ist nur eine Sichtweise, keine Schuldzuweisung an die Kindheit oder irgendwem!

Worum es bei diesem Blogeintrag geht, ist meine persönliche Verarbeitung und da ich oft in den letzten Tagen, von unwissentliche Personen drauf angesprochen wurde und gemerkt habe, es hängt mir noch nach. Fragen wie „Warum haste wieder zugenommen?“ „Erwartet ihr Nachwuchs“ „Vielleicht depressiv?“ verunsichern mich. Zeit sich mit der Prägung meines Schattenkindes auseinander zu setzten. Zeit im allgemeinen damit abzuschließen, mit dieser dunkleren Zeit!

Mia kommt schleichend daher. Sie scheint auf den ersten Blick wie eine gute Freundin, liebevoll umhegt sie einen, verwirrt einen. Man hält sie wie die perfekte Lösung, irgendwie schafft sie sämtliche negativen Offensichtlichkeit einfach fort. In Wirklichkeit kommt Mia mit blanker Zerstörung daher, sie macht einen von innen kaputt, zerstört alles auf Schritt und Tritt was einen lieb ist, zerstört einen von innen,  bis sie sich an die Familie ranmacht. Mia hat auch einen wissenschaftlichen Namen, bekannt unter der Krankheit: Bulimie – Bulimia nervosa.

Der Nährboden für Mia scheint schon in meiner Kindheit tief verankert wurden zu sein. Der Glaubenssatz in meiner Kindheit war immer das Gefühl zu dick zu sein. Ob es nun stimmte oder nicht. Essen war damals wie heute schon immer Thema. Essen beruhigt, Essen entstresst, Essen als Ersatz für irgendwas. Trotz glücklicher Kindheit hatte das Thema schon früh Streitpotenzial. Ich fühlte mich immer beobachtet, Fragen nach dem Essensthema machten mich wütend, agressiv. Meine Eltern hatten es nicht leicht. Natürlich war ich in meiner Kindheit oder Jugendzeit niemals zu dick. Normalgewicht und manchmal schon die Tendenz zum unteren Bereich. Rückblickend gesehen.

Über 30 Jahre später hing mir das immer noch nach. Nach Schwangerschaft und Stillzeit hatte ich zugenommen. Was für Familie, Freunde kein Problem war, schien von heute auf morgen eins zu sein – nämlich für mich! Ich wollte jetzt quasi mit dem Kleinkind an der Hand, der Familie im Rücken, schlank sein wie ein Model. Was mich dazu trieb kann ich bis heute nicht sagen. Erst wenn ich das erreicht hab, bin ich wer, beachtet man mich, bin ich es wert – wert für was? Ich weiß es nicht!

Es war wie eine gewaltige Machtwelle die über mich kam. Essen war nicht mehr Essen. Essen waren Zahlen, Gleichungen von Umwandlungsgeschwindigkeit in Körpermasse und dann war sie psychisch da. Mia! Wie sich mich zornig ansah, mich zum wegbringen trieb. Mir meine Seele raubte und mich in tiefe Abgründe trieb und das alles mit einem Lächeln und Lichtsinn auf den Schultern.

Wer meint Familie und Freunde müssten es doch sehen, der irrt. Es überkommt einen ein hohes Potenzial an Phantasie und Einfallsreichtum, Lügen und Ausreden ums Essen und es wegzubringen. Niemand wird in den ersten Jahren darauf kommen, wie man selber leidet. Niemand! Vorwürfe der Familie und Freunde /Bekannte im Nachhinein sind nicht angebracht. Sie wussten es nicht. Sie wussten es nicht besser! Sie haben keine Schuld, zur keiner Zeit!

Gewichtsverlust verursacht Glückshormone. Schneller Verlust verdoppelt diese. Man wird quasi überschwemmt, was einen noch tiefer in den Sumpf der Mia treibt. Wenn man überhaupt begreift, was man grade tut, merkt man schon den Kontrollverlust über die Situation. Mia ist schlau. Das Wegbringen des Essens entstresste auch. Es war nicht nur das Essen was verschwand sondern auch der Tagesstress, was anscheinend auch zum guten heimtückischen Gefühl verhalf. Zuviel Essen verursacht Schmerzen und nicht nur seelische. Von den eigenen Glückshormonen des Gewichtsverlust lässt sich nur eine Zeit überleben, doch da sind die tausend Komplemente der Umwelt und die Spirale dreht sich weiter. Es ist wie ein Drogenrausch. Jedes Gramm Verlust, treibt den Rausch höher. Tiefer und tiefer singt man in einem Konstrukt aus Lügen, Einsamkeit, Scharm, Erniedrigung seiner selbst.

Was einem aber auffällt, man sortiert Freunde, Bekannte  auf in oberflächlich  sein oder nicht. Es ist erstaunlich wieviel Menschen auf einmal mit einem was zu tun haben wollen, nur weil man dem Werbeidealbild näher kommt. Man weiß ganz genau, dass manche Menschen oberflächlich sind und einen nicht gut tun, aber die Krankheit lässt schnell diesen Gedankenhergang verblassen.

Mia kommt anderes. Mia ist tückisch. Anders zur Magersucht, wo andere schon in kurzer Zeit körperliches zerbrechen sehen, sieht man Mia nichts an. Man bleibt vorerst im Normalgewicht der untersten Grenze, manchmal auch drüber. Sich selber sieht man natürlich den Gewichtsverlust nur in Form von Zahlen auf der Waage an. Böse Zungen behaupten es sei nur eine Unfähigkeit der Menschen an Magersucht zu erkranken oder es sogar gar nicht richtig zu machen. Was die Situation nicht besser macht, was sie schlimmer macht, was sie tiefer dem Abgrund näher bringt.

Die Krankheit hat mich zwei Jahre begleitet ehe ich mich meinem Mann öffnete. Bei vielen anderen sind es Jahrzehnte. Ich machte keine Therapie! Was zwar nicht zu empfehlen ist, aber mein Mann und mein Sohn geben mir Kraft. Heute hab ich fast alle verloren Kilos wieder drauf. Das Essverhalten mit Attacken von viel Essen hat sich nämlich nicht geändert. Nur das Wegbringen fällt aus.

Für meine Familie, die ich über alles Liebe, versuche ich wieder ein normales Gewicht zu erreichen. Ich möchte aber nicht das mein Sohn eine kranke, diätmachende Mama miterlebt. Es soll alles normal vonstatten gehen.

Wir geben unserem Sohn die Methode der Selbstregulierung an die Hand. Er bestimmt ob und wieviel er essen möchte. Von früher kenne ich die Sprüche. Es wird gegessen was auf dem Tisch kommt! Wenn man nicht auf isst, gibt es schlechtes Wetter! Ein Löffel für …! Nein, er soll sein Hungergefühl usw. nicht verlieren. Die Gemeinsame Mahlzeit am Tisch ist ein Relikt aus alter Zeit. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, im Jahr 2017. Klar ist das schön Mahlzeiten gemeinsam einzunehmen, aber nur wenn Zeit ist und jeder Hunger verspürt! Wenn wir können soll nur jeder soviel essen wie es im genügt! Kein Zwang! Körpergefühl entwickeln und beibehalten.

Ob Mia weg ist? Nein, sie wird und bleibt ab und an immer am Wegrand stehen, winkend oder zornig schauen, aber ich lass sie nicht mehr in mein Leben. Niemals mehr.

Dies ist eine Warnung an alle, die drüber nachdenken. Sie hilft euch nicht, sich bringt nur Unglück  und Zerstörung. Sie nimmt Euch quasi eure Leben weg!

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23 Gedanken zu “Und dann kam Mia

  1. tallyshome schreibt:

    Kommt mir ja sehr, sehr bekannt vor. Einen Namen würd ich dem ‚Kind‘ allerdings nie geben. Wenn ich etwas personifiziere, bekomme ich irgendwann Mitleid. Das fängt schon bei Kaffeetassen an und gehen sie kaputt, würde ich um die Tasse Nicki genauso weinen, wie um ein niedliches Haustier. Würde ich also dem anderen einen Namen geben, müsste ich es ab und an füttern. Tue ich aber nicht und hungere es auf natürliche Art und Weise aus. Egal wie zornig es guckt 🙂 Lg Tally ❤

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  2. Zeilenende schreibt:

    Stark. Über solch persönliche Sachen zu schreiben ist schwer – deshalb tue ich es selten und meistens noch metaphorischer als du. Danke, dass du das mit uns teilst. Der Kampf ums Körperbewusstsein (und dazu gehört auch das Essverhalten – zumindest für mich) ist zuweilen hart und steinig, vielleicht sogar nie zu Ende. Ich wünsch dir alles Gute auf dem Weg.

    Gefällt 3 Personen

    • Impressions of Life schreibt:

      Danke! War auch schwer, aber musste raus! In der heutigen Gesellschaft ist es eh sehr sehr sehr schwer!!! Der Kampf ums Körperbewusstsein… ist ein echter Kampf… ich denke aber schon das er irgendwann zu Ende ist. Von Menschen zu Mensch unterschiedlich. Liebe Grüße

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  3. frauholle52 schreibt:

    Hat dies auf Regenbogen und Freudentränen rebloggt und kommentierte:
    Ich bin nicht in Ordnung, so wie ich bin. Ich muss mich ändern. Ich bin nicht gut genug, weil ich zu dick bin. Ja, den Gedanken kenne ich nur zu gut. und auch die Bulimia nervosa ist mir bekannt. Ich bin bisher nicht auf die Idee gekommen, dass mir ein negatives inneres Kind diese Gedanken einflüstern könnte. Bis eben, als ich von Mia bei impressions of life las. Ja, so könnte es sein und würde viel erklären…..

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  4. 1000interessenblog schreibt:

    Danke für diesen sehr offenen und mutigen Beitrag. Ja, ich weiß noch, als ich Kind war- da musste ich oft solange sitzen bleiben, bis der Teller leer war- mochte ich das, dann oft mittlerweile kalte, Essen nicht, gab es kein Aufstehen. Nicht im Traum wäre es mir eingefallen meinem Kind so etwas aufzubürden. Interessant fand ich es auch, dass du deinem Anteil einen Namen gegeben hast- bin mir nun nicht ganz sicher, ob es gut ist- einerseits kannst du es dann ja beim Namen benennen, andererseits ist es hoffentlich dann nicht so, wie in der Magie- wenn man etwas benennt, dann hat es Macht über uns- Wünsche dir weiterhin Kraft und Stärke (und ja, Familie und Freund bemerken so etwas nicht wirklich)- Danke! glg – Herta ❤

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  5. Paleica schreibt:

    essen – auch für mich aktuell grade wieder ein viel zu großes thema :/ es ist immer wieder erschütternd, wieviel einfluss dieses bild von außen immer wieder auf uns hat 😦 toll, dass du es soweit geschafft hast!

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    • Impressions of Life schreibt:

      Schon erschreckend! Ja Danke, Gott sei Dank hat das unser Kind damals nicht mitbekommen. Ich möcht auch das er ein gesundes Verhältnis zum Essen/ Körperbewusstsein hat. Dafür muss man es auch vorleben.
      Und wenn das Essen ein aktuelles großes Thema für dich ist, wünsch ich dir viel Kraft dies zu ändern
      Liebe Grüße

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