Perfektionismus oder Psychologie für Anfänger

„Perfektionismus, ein psychologisches Konstrukt, das versucht, übertriebenes Streben nach möglichst Perfektion und Fehlervermeidung zu erklären. Eine einheitliche Definition existiert nicht“

Ich weiß nicht ob es am Herbstanfang liegt, ob es an ärztlichen Aussagen oder gar Denkanstößen liegt. Zumindest würde ich jetzt gerne dieses verdammten Perfektionismus an die Wand klatschen. Das wollte ich tief in meinem inneren schon immer tun, seit heute weiß ich, ich will ihn gegen die Wand klatschen! Ihn loswerden, einfach nur leben!

Das Streben nach Vollkommenheit! Wenn es eine Pille geben würde, die Vollkommenheit bringen würde, quasi magisch sei. Wer würde sie nehmen? Ich denke es gibt viele Menschen die ohne Zweifel, sie einfach schlucken würden. Mein Vergangenheits-Ich nicht auszuschließen. Was macht Menschen dazu, so zu denken? Was bringt Menschen dazu dies auch zu wollen?

Für mich war es in der Vergangenheit ein starkes Gefühl, die Vollkommenheit erreichen zu wollen. Erst nach Vollkommenheit wird man geliebt, angesehen oder gar wahrgenommen. Reichlich dumm und naiv. Woher das Gefühl kam, ich weiss es nicht. Lag es in der Kindheit, an meinem Vater (der mich so geliebt hat wie ich war) der alles von alleine erreicht hatte (vom Kriegskind zum Inhaber eines mittelständigen Unternehmens) und ich in der Schule nur der Durchschnitt war? Lag es an Bekannten, Freunden die aus meiner Sicht hübscher, klüger, besser waren? Hatte ich dieses Gefühl seit der Kindheit mitgeschleift? So als unsichtbaren Päckchen.

Übertriebene Fehlervermeidung! In der Schule hatte ich starke Leistungszweifel. Ich stand mir selber im Weg, die Angst vor Bewertung durch Lehrer, Eltern, Schüler trieb mich in den Wahnsinn. Ich arbeitete bzw. lernte manchmal Tage /Wochen fast ohne Schlaf durch, nur um im Fall der Fälle keine Fehler zu begehen. Ich scheiterte trotzdem, was die Spirale erneut in Schwung brachte. Ein Teufelskreis!

Die Geschichte lehrte die Psychologen das der Perfektionismus in Zusammenhang mit Depressionen, Zwangsstörungen und Essstörungen gebracht werden sollte. Selbst damaligen ausgeführte Studien, klinisch wie nicht klinisch, zeigten hohe Zusammenhänge von Perfektionismus und Stress, depressiven Symptomen, Ängstlichkeit und gestörten Essverhalten. Heutzutage erlernte man durch klinische Studien das der Perfektionismus Störungsbilder wie Alkoholismus, Anorexie nervosa, Bulimia nervosa, Depression, Angst und Zwangsstörung, sexuelle Funktionsstörungen wie Selbstmordgedanken in Verbindung zu bringen.

Ich selbst litt nach der Pubertät bis hin 18 Jahre später  unter dieses unerreichbaren Perfektionismus in Bezug auf Äußerlichkeiten, zeitweise geprägt von einer Essstörung und leichten Depressionen. Diesen konnte ich dank der Hilfe meines geliebten Mannes ablegen. Fast abgelegt hab ich zusätzlich den Zwang der Organisiertheit (obwohl bis heute immer mal wieder der Teufel diesbezüglich mit mir durchgeht), dies verdanke ich sowohl meinem Mann und meinem Kind. Wobei eine Art Ängstlichkeit konnte ich bis heute nicht wirklich überwinden. Klar gibt es Menschen die mit ihren Perfektionismus klar kommen und niemals diese Symptome zeigen, aber ich gehöre nicht dazu, zumindest was die Angst betrifft. So wie heute weiß ich, dass ich ohne meine Familie, meine Felsen in der Brandung, dieses niemals geschafft hätte, schaffen würde.

Seit den 80 Jahren gibt es verschiedene Modelle über das Erkennen des Perfektionismus. Über die einzelnen Modelle lässt sich philosophieren. Fakt sind allerdings folgende Punkte:

hohe persönliche Standards, Organisiertheit,  Fehlersensiblilät, Zweifel, Erwartung oder Kritik durch Eltern, selbstorientierter Perfektionismus, sozial vorgeschrieben oder fremdorientiert.

Bei vielen Punkten stimme ich überein. Seit dem Jahr 2014 weiss man, dass der Perfektionismus ein angstvolles Vermeidungsverhalten ist, wo es Missstände im „Soll“,  „Ist“, „Muss“ gibt. Das heißt, dass das „Soll“ das Ideal darstellt was man sein will, erreichen will. „Ist“ wäre dann die persönliche Realität. Menschen ohne Perfektionismus würden jetzt den golden Mittelweg wählen um sich weiter zu entwickeln. Bei Menschen mit Perfektionismus kommt es zur Spannung die wie eine Atombombe irgendwann explodiert. „Soll“ entwickelt sich zur permanenten Kritik und wird vom „Muss“ als angstauslösend umgewandelt. Angst hemmt, es entstehen Fehler oder unerwünschte Ergebnisse, die eigentlich völlig egal sein sollten, sind sie aber hier nicht und somit hat man eine 100 % Atomexplosion und ist in dem Teufelskreis, es immer und immer wieder zu versuchen / zu perfektionieren, gefangen.

Die Angst Fehler zu machen ist tief in mir drin und kommt (auch) von diesem verdammten Perfektionismus. Grade jetzt wo ich eine Familie habe, steht diese Angst täglich an meiner Seite und hemmt mich irgendwo.

Alle Eltern wollen alles richtig machen, wir wollen das unsere Kinder in dieser Welt überleben, das sie gesunde starke Erwachsene werden. Wir wollen alle nur das Beste. Aber mit dem Besten näheren wir uns einer Grenze die zum Perfektionismus übergeht und diese Grenze hat leider keine Warnhinweise oder Schranken, wenn wir sie übertreten merken wir das nicht wirklich. Es ist eine stetige Gefahr. Menschen ohne Perfektionismuszwang sind hier natürlich aussen vor.

Ich sehe unseren Sohn und überlege ob er dieses Perfektionismus von uns gelernt hat oder hoffe zumindest das er nur Hochsensible ist. Er möchte alles perfekt machen, da fing schon damals beim Sprechen lernen an. Spielen und Ausprobieren tut er ungern, er erwartet Fehler und sein Frust steigt, dann möchte er es lieber sein lassen. Dieses Verhalten führt zur meiner Angst, zum Gedanken die falschen Werte vermittelt zu haben, als Mutter versagt zu haben. Nebenbei haben wir niemals Fehler kritisiert, niemals Druck ausgeübt! Viel gelobt!

Und nun schreib ich hier und wünschte ich könnt diesen Perfektionismus an die Wand klatschen mit samt der Angst, mit dem evtl. Perfektionismus meines Kindes.

Es gibt einen Satz, quasi mein Lieblingssatz aus einem Film, eigentlich eine Frage und eine Antwort:

“ Warum fallen wir? Damit wir lernen wieder aufzustehen“.

Für mich bedeutet das: ich darf fallen – Fehler machen, warum auch nicht (Perfekt bin ich nicht, ich mache viele Fehler) und dann probiere ich es aufs neue und nochmal! Es ist nicht schlimm, wirklich nicht.

Nun müssen wir diese Erkenntnis weitergeben und auch selber nach ihr leben! Wir haben alle nur dieses eine Leben, wir sollen uns nicht in irgendwelchen Spiralen gefangen halten oder gar diese als Wert vermitteln!

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6 Gedanken zu “Perfektionismus oder Psychologie für Anfänger

  1. laechelnmitueberbreite schreibt:

    Hi, danke, dass du mich auf deinen Text aufmerksam gemacht hast. Ich wünsche deinem Sohn bei einer so reflektierten Mama, dass er die Freude am Ausprobieren entdeckt, ohne an Fehler oder gar Versagen denken zu müssen…Vielleicht könnt ihr ihm dabei helfen. Es ist schon beschissen genug, dass wir – so klar uns diese Gedanken sind – das Gefühl und den Drang der Perfektion nicht gänzlich beseitigen können oder es uns zumindest hin und wieder einholt. Alles Gute für euch!

    Gefällt 1 Person

    • Impressions of Life schreibt:

      Hallo, danke das du meinen Text gelesen hast. Ich bin, aus meiner Sicht, gar nicht so reflektierend. Erst als ich hier alles aufgeschrieben habe, verstand ich ein bißchen. Das wird bestimmt nicht der einzige Text zu diesem Thema sein. Ich wünsche Euch auch alles Gute.

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